Die Onlineausstellung reflektiert »Heimatkunde« als Methode der Aneignung und des Sich-Zu-Hause-Fühlens an einem Ort, in einem Thema und in den verwendeten Techniken aus der Perspektive eines in Sachsen-Anhalt geborenen und aufgewachsenen Fotografen, der seine eigenen Spuren findet und als Pfad aus verschiedenen Richtungen begeht.
Sie basiert auf sechs Doppelseiten des Beitrags »Das Virtuelle Museum der Toten Orte zwischen Heimatkunde und Weltgeschichte«. Er wurde im Januar 2026 im Band »Transformationen - Industriekultur in Sachsen-Anhalt« veröffentlicht. Jan Kellershohn, Christina Katharina May und John Palatini haben mit diesem Buch für den Landesheimatbund Sachsen-Anhalt e.V. und das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt – Landesmuseum für Vorgeschichte die erste Überblicksdarstellung zur Industriekultur in Sachsen-Anhalt herausgegeben. Sie erschien im Mitteldeutschen Verlag, umfasst 240 Seiten und wurde vom halleschen Designer Friedrich Lux gestaltet.
Die insgesamt acht Doppelseiten des Beitrags, das Inhaltsverzeichnis und das Cover des Bandes können als PDF geladen werden.
Als die Berliner Mauer fiel, studierte ich an der TU Magdeburg Maschinenbau und beendete gerade den für männliche Studierende im 3. Studienjahr obligatorischen Reserveoffizierslehrgang im sächsischen Selingstädt.
Die neu gewonnenen Freiheiten ermöglichten mir, mein Hobby Fotografie zum Beruf zu machen. Ich studierte nur noch halbherzig und bewarb mich für ein Mediendesign-Studium an der Berliner bildo Akademie für Kunst und Medien. In dieser Zeit des Entscheidens, Suchens und Wartens entdeckten meine Kommilitonen und ich auf einer Radpartie die Betonfragmente der unvollendeten Trogbrücke des Mittellandkanals bei Hohenwarthe.
Das 1942 eingestellte Projekt sollte hier den Kanal über die Elbe führen. Die zu diesem Zeitpunkt beginnende fotografische Auseinandersetzung mit diesen Fragmenten war der Beginn meiner Beschäftigung mit Bauten aus Beton und den Bauten des Nicht-Gebraucht-Werdens, des Wandels und des Verschwindens. Ich begreife sie als Teil der eigenen Geschichte, die es sichtbar zu machen gilt.
Im Herbst 1980 wurde ich mit meinen Mitschüler:innen in der Gedenkstätte Langenstein-Zwieberge feierlich in die Freie Deutsche Jugend (FDJ) und die Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft (DSF) aufgenommen.
Erst durch die erste Dokumentation des ehemaligen NVA-Komplexlagers 12 im Jahr 2003 wurde mir klar, dass es sich dabei um die Nachnutzung der Malachit-Stollen handelte, die die Häftlinge des einstigen KZ Langenstein-Zwieberge unter mörderischen Bedingungen in die Thekenberge bei Halberstadt hauen mussten. In das Stollensystem sollte eine Teilproduktion der Junkers Flug- und Motorenwerke verlegt werden.
Dass es diese Nachnutzung der Stollen durch die NVA gab, wurde in der DDR geheim gehalten. Auch den Mitarbeiter:innen der Gedenkstätte war das nicht bekannt und konnte uns nicht vermittelt werden.
Doppelseite »Langenstein-Zwieberge: Gedenken und Geheimhaltung« aus »Das Virtuelle Museum der Toten Orte zwischen Heimatkunde und Weltgeschichte« im Band »Transformationen - Industriekultur in Sachsen-Anhalt«.
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Auch wenn die Spuren der Rüstungsproduktion der Firma Junkers im mitteldeutschen Raum allgegenwärtig sind, bleiben sie weitgehend ungesehen. Im April 2011 habe ich versucht, ein paar persönliche »Junkers-Spuren« sichtbar zu machen.
Im Mai 1989 inszenierte ich meine Wanderschuhe (schwer zu bekommen), ein schwarzes Halstuch (eigentlich ein Sanitäts-Dreieckstuch) und einen The Cure-Sticker (selbst gebastelt) auf einem Stück Beton rechts der Straße von Neugattersleben Richtung Bernburg. 2011 konnte ich die Betonreste wiederfinden und erkundete weiter das Areal, das ich jetzt als Werksflugplatz des einstigen Junkers Zweigwerkes Bernburg kannte.[1]
Im Backsteingebäude in der Staßfurter Industriestraße war ich als Kind häufig, da mein Vater als Lehrer in der dortigen Kreisstelle für Unterrichtsmittel Medien auslieh. Später recherchierte ich, dass es eines der Verwaltungsgebäude des Junkers Zweigwerkes Staßfurt war.
Bei einem Verwandtenbesuch im Pflegeheim Wertlau offenbarten die Gebäude nicht, dass sie Ende der 1950er Jahre auf dem Areal eines Junkers-Barackenlagers errichtet wurden. Das Barackenlager aus dem Jahr 1944 beherbergte aus Dessau verlagerte Abteilungen der Junkers Flugzeug- und Motorenwerke. Nach dem Krieg erfolgten Nutzungen als Umsiedler-Lager, TBC-Barackenlager und Waldkrankenhaus. Die Nutzung, zuletzt als Alten- und Pflegeheim, endete 1995.[2]
Ein großes Emaille-Schild mit Thermometer, dem Schriftzug »Maizena« und der Schrägansicht von modernen Produktionsgebäuden in Skelettbauweise zierte eine Stalltür bei Verwandten in Schierstedt bei Aschersleben. Auch diese Erinnerung aus Kindertagen leitete mich möglicherweise, als ich ab Mitte der 1990er Jahre versuchte, ungenutzte Industrieanlagen rund um die Dörfer meiner Kindheit und Jugend ausfindig zu machen, um sie zu fotografieren.
Die 1924 in Betrieb genommene hochmoderne Produktionsstätte war die erste und größte Fabrik für Maisstärke in Europa. Als VEB Maisan-Werke Barby firmierte das Werk ab 1969. Nach dem Konkurs 1990 arbeitete es bis zur Schließung 1993 als Lohnhersteller für die Cerestar Deutschland GmbH, die wenige Meter neben den alten Anlagen eine moderne Weizenstärkefabrik errichtete.[3] Von den historischen Gebäuden ist nur noch das Mais-Silo vorhanden.
Doppelseite »Barby: Verkannt und verloren« aus dem Beitrag »Das Virtuelle Museum der Toten Orte zwischen Heimatkunde und Weltgeschichte« im Band »Transformationen - Industriekultur in Sachsen-Anhalt«.
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Das Werk Sozialismus des VEB Zementwerke Bernburg wurde 1928 als Zweigwerk der Phönix Zementwerke Beckum errichtet.[4] Nach der Stilllegung Anfang der 1990er Jahre stand es – von einer pittoresken Zementschicht konserviert – wie ein Dornröschenschloss bis zu seinem Abriss 2004 am nördlichen Ortsrand von Nienburg (Saale).
Für mich war es immer wieder ein Ort, um auch fotografische Experimente durchzuführen oder neue Technologien auszuprobieren. Mit der ab 1995 verfügbaren QuicktimeVR-Technologie war es möglich, Panoramen aus Einzelbildern zusammenzufügen – zu stitchen (nähen) und als interaktive 360°-Rundblicke anzusehen. Während für mich damals im Vordergrund stand, ohne Spezialkameras Panoramen erstellen zu können, bildet heute der entstandene analoge Bilderpool eine Grundlage, das Werk teilweise digital rekonstruieren zu können.[5]
Doppelseite »Nienburg (Saale): Genähte Rekonstruktion« aus dem Beitrag »Das Virtuelle Museum der Toten Orte zwischen Heimatkunde und Weltgeschichte« im Band »Transformationen - Industriekultur in Sachsen-Anhalt«.
(Alle Bilder der Doppelseite sind durch Klick in die rechte Bildhälfte einzeln nacheinander abrufbar.)
Im Sommer 2024 wurde die Hyparschale nach vier Jahren Sanierung wiedereröffnet, womit für das 54 Jahre alte Gebäude 27 Jahre der Nicht-Nutzung zu Ende gehen.[6] Die nach Plänen des Bauingenieurs Ulrich Müther gemeinsam mit Horst Freytag und Günter Ackermann errichtete Mehrzweckhalle[7] bildete den Kern des 1970 eröffneten Ausstellungszentrums im Magdeburger Kulturpark Rotehorn, zu dem auch vier Leichtbauhallen und 3.000 Quadratmeter Freifläche gehörten.[8]
Über 15 Jahre dokumentierte ich sporadisch das Gebäudeensemble. Dabei fiel mir bereits 2008 auf, dass es in unmittelbarer Nähe der Hyparschale einen Springbrunnen gab, dessen Spuren weiterhin sichtbar blieben. Auf einer Ansichtskarte aus dem Jahr 1978 entdeckte ich ihn wieder und konnte recherchieren, dass der Mittelpunkt des Brunnens, die Bronzesäule »Die vier Jahreszeiten« des Magdeburger Künstlers Heinrich Apel, im Jahr 2003 in den Nordabschnitt des Breiten Weges umgesetzt wurde.[9]
Doppelseite »Magdeburg: Abseits der Hyparschale« aus dem Beitrag »Das Virtuelle Museum der Toten Orte zwischen Heimatkunde und Weltgeschichte« im Band »Transformationen - Industriekultur in Sachsen-Anhalt«.
(Alle Bilder der Doppelseite sind durch Klick in die rechte Bildhälfte einzeln nacheinander abrufbar.)
- Horst ZOELLER: Junkers Zweigwerk Bernburg, in: The Hugo Junkers Homepage, 2020, hugojunkers.bplaced.net/junkers-zweigwerk-bernburg.html, zuletzt besucht am 26.04.2024.
- Hartmut WITTE: A Lost Place. Das Waldlager Wertlau 1943–1951, in: Zerbster Heimatkalender 2020, S. 178 ff.
- Cargill Deutschland: Barby, cargill.de/de/standort-barby , aufgerufen 26.04.2024.
- Ältestes Werk wird abgerissen, mz.de/lokal/bernburg/altestes-werk-wird-abgerissen–2710264, zuletzt besucht am 26.04.2024.
- Animiertes 360° Panorama im Mitschnitt des Vortrages an Position 18:20 zu sehen vimeo.com/932843247#t=18m20s
- Landeshauptstadt Magdeburg: Magdeburger Hyparschale feierlich wiedereröffnet, in: magdeburg.de, magdeburg.de/EröffnungHyparschale, zuletzt besucht am 12.12.2024.
- Tanja SEEBÖCK: Schwünge in Beton, Schwerin 2016, S. 241 ff.
- Joachim SCHULZ, Günter RESO, Astrid LINDSTEDT, Heinz GERLING, Horst HEINEMANN, Gotthard VOß: Architekturführer Magdeburg, Berlin u. a., 1992, S. 37.
- Landeshauptstadt Magdeburg: Die vier Jahreszeiten, 2003, magdeburg.de/index.php?ModID=7&FID=37.19276.1&object=tx%7C37.19276.1, zuletzt besucht am 26.04.2024.




























»Sechs mal Heimatkunde« - Thomas Kemnitz
→ vimudeap.info/sechs-mal-heimatkunde