Raketenbasis Wokuhl

Bei der Recherche zu den in 2000 besuchten Objekten um Fürstenberg tauchte auch immer wieder der Name WOKUHL als Stationierungsort von Kernwaffen auf. Was lag also näher, als die Anlage zu (be)suchen? Die Federation of American Scientists (www.fas.org ) wies diesen Standort ebenfalls aus und bot auch einen Grundriß der Basis als Reproduktion aus dem INF-Vertrag an.

Nach einem längeren Fußmarsch aus Richtung Lychen durch das zum Müritz-Nationalpark gehöhende Waldstück haben wir die Anlage (oder besser gesagt das, was davon noch zu sehen ist) auch gefunden: ein Stabs- und Wachgebäude, einen Wasserturm und die längst gesicherten und mit Erde angeschütteten ehemaligen Shelter. Gut 13 Jahre nach dem Abzug der Raketen und 7 Jahre nach dem Abzug der dortigen Truppen hat sich die Natur die größten Teile zurückerobert, keine Zäune hindern den Wandernden. Ein verblichenes Schild des Bundesvermögensamtes Neubrandenburg wartet auf Souvenierjäger.

Die eigentliche Startstellung (Prinzip) befand sich vermutlich in der näheren Umgebung (10 km Radius?). Ob es auch noch einen Gefechtsstand (wie bei der älteren Anlage bei Neuglobsow) gab, ist bisher nicht bekannt.

Auf jeden Fall haben wir versucht, mit der Suche und der bildnerischen Auseinandersetzung mit den verborgenen, verlassenen und bald auch vergessenen toten militärischen Orten um Fürstenberg die Spuren des Kalten Krieges nachzuzeichnen und zu bewahren.

Thomas Kemnitz,  06.03.2001

Das vimudeap-Team hat 2000/01 versucht, einige Standorte aus dem Raum Fürstenberg/Havel zu dokumentieren. Im einzelnen sind das:

Kaserne Neuthymen
Kaserne Vogelsang
Raketenobjekt Vogelsang
Munitionsdepot Hammelspring
Kernwaffendepot Himmelpfort
Faserstoffwerk Fürstenberg
Raketenbasis Wokuhl
Feuerstellung Neuglobsow

Thomas Kemnitz,  31.03.2001

Das 'Neue Deutschland' berichtete 1988/89 in mehreren Ausgaben über die Erfüllung des INF-Vertrages durch die USA und die UdSSR.
Wir haben die Meldungen in einem PDF-Dokument zusammengefaßt.

(Vielen Dank an dieser Stelle an D. Heuschkel für die Kopien der Artikel)

Thomas Kemnitz,  31.03.2001

Was nun wirklich in Wokuhl für Raketen stationiert waren, werden wir wohl nie erfahren.
Jedenfalls waren es auf keinen Fall SS-20 (TR-1/SABER) Raketen. (Diese Bezeichnug steht oft als Stellvertreter für die sowj. Mittelstreckenraketen der 80er Jahre des 20. Jh..) Ein Grund ist neben der viel zu großen Reichweite (<5000km) auch die Größe des Rampenfahrzeuges + Rakete selbst. Diese hätten dort mit Sicherheit keinen Platz gefunden.
Der INF-Vertrag spricht von SS-22 (RT-21/SCALEBOARD), die ein ähnliches Rad-Basisfahrzeug benutzten wie die unter der Bezeichnung R-300 (SCUD-B) bekannten Raketen älteren Typs, die auch als operativ-taktische Raketen mit konventioneller Ladung im Bestand der NVA waren (Nuklearoption vorhanden).

Thomas Kemnitz,  31.03.2001

Die NBI veröffentlichte in ihren Ausgaben 42 und 46 1990 Artikel, in denen die Raketenanlage bei Wokuhl (NBI spricht sogar von dem bei Wokuhl befindlichen 3-Seelen-Dorf Neubrück) sehr reißerisch und in vielen Details mangelhaft beschrieben wird: "... eine Betonpiste ... sie führt immer tiefer ins Erdreich und endet in einem gewaltigen ... Bunker". Bei oberflächlichem Lesen klingt das wie eine Fahrt in einen unterirdischen Bunker. Doch eigentlich hat die Piste nur starkes Gefälle, da die Shelter in den Waldboden eingelassen sind.

Immerhin enthalten die Artikel Fotos, die den damaligen Zustand der Shelter zeigen. Wie zu sehen ist, ist der Shelter gut 2/3 ins Erdreich eingelassen. Dieser Umstand erklärt auf jeden Fall, warum heute nur noch ca. 2,50m hohe Hügel zu sehen sind.

Den erfaßten Aktikel können Sie als PDF-Dokument ansehen. (Das in unserem Beitrag zitierte Bild ist der Ausgabe 46 entnommen.)

(Vielen Dank an dieser Stelle an Peter Rentsch für die Kopie des Artikels)

Thomas Kemnitz,  31.03.2001

Am 16. Oktober 1999 veröffentlich die 'Krasnaja Swesda' einen Artikel eines Obersten a.D. über die Geheimoperation 'Nebel', bei der es um die Verlegung von strategischen Raketenkräften in die DDR und die Vorbereitung der Stellungen etc. geht. (PDF-Dokument)

Thomas Kemnitz,  31.03.2001

Liebe Macher von VIMUDEAP,
anbei eine Tabelle aus einer westlichen Quelle, die den Stationierungsumfang bei WOKUHL preisgibt:

Standort
Typ / Raketen / Launcher / Fahrzeug / Übungsraketen

Bischofswerda
OTR-22 / 8 / 5 / 0 / 4

Hranice (CZ)
OTR-22 / 39 / 24 / 15 / 13

Jena Forst
OTR-23 / 47 / 12 / 8 / 3

Königsbrück
OTR-22 / 19 / 11 / 9 / 10

Waren
OTR-22 / 22 / 12 / 9 / 7

Weissenfels
OTR-23 / 6 / 4 / 3 / 18

Wokuhl
OTR-22 / 5 / 6 / 0 / 7

Peter Rentsch,  01.09.2001

Auf den Seiten des NABU Kreisverbandes Mecklenburg-Strelitz findet sich unter dem Punkt Literatur auch ein Verzeichnis der Heftreihe 'Labus-Hefte (Neue Reihe)'. Der folgende Beitrag aus Heft 07.1997 auch online einzusehen:

Unter dem Titel Sand Oegken, Sandygken-, Sandugken-See – aus der wechselvollen Geschichte eines NSG schildern Klaus Borrmann, Lüttenhagen, und Erich Gebauer, Neubrück u.a. auch die Vorgänge um die Errichtung der Raketenbasis im Wald nahe Wokuhl:

"Als jedoch in einer Novembernacht 1983 sowjetische Militäreinheiten Material anlieferten und mit der Abzäunung eines großen Gebietes einschließlich des Sandygkensees begannen , waren alle machtlos. Weder der Revierförster noch der Forstbetrieb Neustrelitz waren vorinformiert worden , daß in diesem Gebiet laut Nachrüstungsbeschluß der Warschauer Vertragsstaaten die SS20- Raketen mit Atomsprengköpfen stationiert werden . Über Nacht hatte Revierförster Gilgenast 330 ha Wald weniger zu betreuen , was ihn im Innersten tief traf.

Wiederum war es die abseitige Lage in einem ausgedehnten Waldgebiet unmittelbar an das Schießplatzgelände Ruthenberg-Retzow angrengrenzend, welche aus strategisch-miilitärischen Gründen zu dieser Standortwahl führte. Die Haupttransportwege führten über Wokuhl. Außerhalb des heutigen NSG aber unmittelbar angrenzend mitten im Wald entstand ein Gebäudekomplex von Kaserne, Wache, Sauna, Bäckerei, Heizhaus, Pumpenhaus und Gefängnis sowie sieben Bunker für Raketen, Atomsprengköpfe und Führungsstab.

Das Gesamtgelände wurde mit einem 3-fachen Zaunsystem und Wachhäusern gesichert, der Innenbereich von 450 x550 m Seitenlänge mit einem Betonzaun typisch sowjetischer Bauart.Überall im Gelände wurde in Beständen und auf Gestellen Sand entnommen. Im Dezember 1985 wurde das Raketenobjekt offiziell aber in aller Heimlichkeit eingeweiht, wozu auch Staatsratsvorsitzender Honecker und der Oberkommandierende der Warschauer Vertragsstaaten Kulikow per Hubschrauber eingeflogen wurden. Über das Schicksal der Großvögel ist aus dieser Zeit nichts bekannt geworden. Das eingezäunte Gelände wurde im Prinzip aber wildleer geschossen.

In der Entspannungsphase unter der Ära Gorbatschow wurde 1987/89 begonnen, die Raketen wieder abzuziehen. Bis Ostern 1990 wurde das Gelände von sowjetischen Soldaten bewacht.

Im Mai/ Juni 1991 begann durch gleiche Einheit der Rückbau und die Sicherung der baulichen Anlagen. Erst wesentlich später wurden finanzielle Mittel bereit gestellt, um die Bauwerke zu entfernen. Einen gewissen Abschluß einer ersten Entsorgungsphase gab es im Herbst 1996 durch die Demontage eines großen Gerätebunker, den Abriß der Zäune und einiger kleinen Gebäude und Unterstände. Die Raketenbunker selbst wurden zur ersten Sicherung übererdet bzw. laut Fachsprache "versiegelt". Weitere Nacharbeiten und Rückbauten zur Renaturierung sind notwendig. Die entgültige Beräumung und Kontrolleder Sicherungsmaßnahmen ist zunächst bis zum Jahre 2003 geplant. Die Rückübertragung der militärisch genutzten bisher beräumten Flächen in forstliche Verwaltung erfolgte 1993. Für eine Wertholzversteigerung wurden 1993 zwanzig Festmeter stark durch Kienzopf geschädigte Kiefern eingeschlagen. Mit den ersten Aufräumarbeiten beantragte die NABU Kreisgruppe Neustrelitz im Oktober 1991 die Ausweisung des Brückentin-Linow-Seegebietees einschließlich Sandygkensee als Naturschutzgebiet (Wernicke 1995). Im Herbst 1992 wurde das Verfahren dazu eröffnet und im September 1994 für den Teil Sandygkensee zum Abschluß gebracht. Im NSG selbst gibt es außer einem kleinem Fundament im Altholzbestand keine baulichen Anlagen mehr, allerdings bedingt durch die Erd- und Aufräumarbieten einige vegetationslose kleine Flächen bzw. Erdgruben."

Quelle des Textauszuges als Link oder PDF.

Thomas Kemnitz,  08.05.2003

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