Mutter-Kind-Bunker Berlin

Im Jahr 1912 schloss die AEG-Schnellbahn AG (eine Tochterfirma der AEG für U∆-Bahnbauten) mit der Stadt Berlin einen Vertrag über eine U-Bahnlinie von Gesundbrunnen nach Neukölln. Hierzu wurden 1918 an verschiedenen Stellen der Stadt gleichzeitig Bauarbeiten im Untergrund aufgenommen. Bedingt durch den 1. Weltkrieg und die folgende Wirtschaftskrise wurden die Arbeiten eingestellt.
Leider erholte sich die AEG∆Schnellbahn AG nicht von den Folgen und ging in die Liquidation. Da die Stadt Berlin in einem Prozess gegen die AEG∆Schnellbahn AG auf Erfüllung des Vertrages klagte wurden als Ergebnis aus diesem Prozess die begonnenen Tunnelbauten der Stadt Berlin zugeschrieben.

Einer dieser Tunnelbauten lag unter der heutigen Littenstraße (Neue Friedrichstraße) und bekam seinen Namen nach der parallel verlaufenden Waisenstraße.
In dem Waisentunnel war in Höhe der Voltairestraße bei den Bauarbeiten bereits ein Bahnhof im Rohbauzustand eingebaut. Dieser Bahnhof sollte später den Namen Stralauer Straße erhalten.

Aufgrund von Planungsoptimierungen der Stadt Berlin wurde die U-Bahnlinie aber als heutige U 8 (Linie D) gebaut. Der Waisentunnel unter der Littenstraße hatte somit eigentlich keine Funktion mehr. Im Jahr 1927 wurde der Tunnel dann Verbindungstunnel zwischen der Kehranlage der U 5 (Linie E), die unter der heutigen Rathausstraße (Königsstraße) liegt, und der Linie U 8 zwischen Jannowitzbrücke und Heinrich-Heine-Straße (Neanderstraße). Dieser Verbindungstunnel wird nur zu Überführungsfahrten benutzt.

Im Jahr 1940 wurden nach den ersten Bombenangriffen auf dichtbesiedelte Gebiete Maßnahmen getroffen um die Bevölkerung aber auch die Rüstungsindustrie besser zu schützen. Eine dieser Maßnahmen war die „Aktion Mutter und Kind“. In neu zu schaffende Bunkeranlagen sollten Mütter mit ihren Kleinkindern allabendlich schlafen gehen.

In diesem Rahmen wurde in den Bahnhofsrohbau im Waisentunnel eine Bunkeranlage eingebaut. In dieser Bunkeranlage hatten ca. 1000 Personen in kleinen zellenartigen Räumen zu beiden Seiten eines schmalen Ganges Platz. Die Räume hatten eine Größe von ca. 3 x 2 Metern und wurden mit 7 Personen belegt, obwohl nur zwei 3∆Stockbetten pro „Zelle“ zur Verfügung standen. An den Bunkereingängen befanden sich Räume für die Bunkeraufsicht, denn nur wer eine Berechtigung hatte durfte den Bunker betreten.

In dem Bunker wurde eine eigene Belüftungsanlage mit Kohlefiltern und Gasschleusen installiert. Am Südende des Bunkers konnten aufgrund der Tunnelhöhe eine 2. Etage eingebaut werden die allerdings nur wenige Räume umfasste, hier befanden sich das Notstromaggregat und weitere Versorgungsräume. Der Bunker konnte über drei Eingänge betreten werden und hatte am Nord- bzw. Südende jeweils Notausgänge in den Waisentunnel. Heute sind nur noch der Mitteleingang in Höhe der Voltairstraße und die Notausgänge intakt.

Aufgrund der Nähe des Bunkers zur Spreeunterfahrung gibt es ein unterschiedliches Klima im Bunker. Am Südende, Richtung Spree, ist das Klima feuchter als am Nordende. Das zeigt sich an den unterschiedlichen Korrosionserscheinungen der im Bunker verbauten Eisenteile.
Nach dem 2. Weltkrieg verlor der Bunker seine Funktion als Schutzraum. In den 50ger Jahren nutzte der VEB Champignonzucht teilweise die Räumlichkeiten. Die Champignonzucht wurde in den 60ger Jahren wieder eingestellt.

Heute wird der Bunker ab und zu für Filmarbeiten genutzt und ist zu Sonderveranstaltungen der Öffentlichkeit zugänglich.
Ein paar weitere Bilder finden Sie unter home.arcor.de/b.geistert/ ... .

Quellen:
Arnold/Salm „Dunkle Welten“ Ch. Linksverlag
Domke/Hoeft „Tunnel Gräben Viadukte“ Kulturbildverlag

Lars Steinstroem,  25.08.2005