Kraftwerk Vockerode

Im Jahre 1937 begann am Ortsrand von Vockerode - eingebettet in die historische Dessau-Wörlitzer Parklandschaft - der Bau eines der modernsten Braunkohlekraftwerke in Europa. Das Projekt der Reichselektrowerke AG Berlin war Bestandteil des sogenannten Vierjahresplans, in dessen Rahmen die NS-Regierung ihre wirtschaftliche Kriegsvorbereitung vorantrieb.

Die Standortwahl 50 Kilometer südlich von Berlin am Übergang der Autobahn Berlin-München über die Elbe war einerseits der Gewährleistung der nötigen Turbinenkühlung durch das Flußwasser geschuldet, andererseits der Nähe zu den damaligen mitteldeutschen Braunkohlevorkommen. Ein weiterer Grund für die Ortswahl war militärisch-strategischer Natur: Durch ihre dezentrale Lage außerhalb von städtischen Ballungsgebieten sollte die Anlage auch bei erwarteten Luftangriffen die Energieversorgung der Reichshauptstadt sowie der Rüstungszentren Dessau, Wittenberg, Wolfen und Bitterfeld sichern.

Ein Jahr nach Grundsteinlegung begann das Werk bereits mit der ersten Energieproduktion, nach zwei weiteren Jahren ging es mit allen sechs Turbinen bei einer Gesamtleistung von 210 MW ans Netz.

1942 waren die Bauarbeiten insgesamt abgeschlossen. Neben den Werksanlagen wie Kohleförderbrücken, Turbinen- und Trafohallen, zwei 142 Meter hohen Schornsteinen, Pumpenhaus, Werksbahnhof und Verwaltungseinrichtungen in sachlich-funktionaler Architektur mit roten Klinkerfassaden waren Siedlungsbauten im Heimatschutzstil entstanden.

Ort und Kraftwerk Vockerode überdauerten den Krieg unbeschadet, ehe dann 1945 bis 1947 die umfassende Demontage der Werksanlagen als sowjetische Reparationsforderung erfolgte.

Erst 1950 wurde mit dem Wiederaufbau der Ruine begonnen, nun im volkswirtschaftlichen Rahmen des ersten Fünfjahrplans der DDR. Die Projektierung erfolgte durch Franz Ehrlich und Willi Baake mit Planungskollektiv unter Wiederherstellung der ursprünglichen Bebauung, jedoch bei erheblicher Erweiterung der Anlage.

Es entstanden neben den alten zwei neue baugleiche Schornsteine, und die Turbinenhallen wurden nach Westen hin um mehr als ein Drittel erweitert. Die Grundfläche der Haupthalle beträgt seitdem 80 mal 240 Meter. Zu erkennen ist die Bauerweiterung an der Verwendung von helleren Außenwandziegeln im Vergleich zu den dunkelbraunen Klinkern der ursprünglichen Halle.
Die neuen Fassaden der Hallenerweiterung wurden wie beim Vorgängerbau durch symmetrisch angelegte, geschlossene Klinkerflächen gestaltet, erfuhren jedoch eine neue Gliederung durch größere Fensterflächen.

Bis 1959 wurden zwölf neue statt der ursprünglichen sechs Turbinen bei einer Leistung von 384 MW in Betrieb genommen, das Kraftwerk Vockerode übernahm eine zentrale Rolle in der DDR-Energieversorgung.

1990 sank der Strombedarf mit Abwicklung bzw. Umstrukturierung der DDR-Wirtschaft, zudem wurden höhere Standards für den Umweltschutz durchgesetzt. 1991/92 wurden erste Teile der Anlage stillgelegt. Es erfolgte noch eine Sanierung der Elektrofilter mit dem Ergebnis einer erheblichen Emissionsverringerung, ehe das Großkraftwerk 1994 endgültig außer Betrieb genommen wurde.

Robert Conrad,  12.11.2001

1996 wurde die Anlage als eines der künstlerisch und technikgeschichtlich bedeutendsten Industriedenkmäler Mitteleuropas unter Schutz gestellt. Es handelt sich um das letzte hier erhaltene Großkraftwerk.

Es wurden Hoffnungen an eine künftige Umgestaltung als Solarenergieanlage und parallele kulturelle Nutzungen geknüpft. Große Ausstellungen und Konzertveranstaltungen zogen zehntausende Besucher nach Vockerode, und das Land Sachsen-Anhalt nutzte den Ort als Vorzeigeprojekt im Rahmen der EXPO 2000. Gleichzeitig erfolgte jedoch trotz Denkmalstatus der Abriß von kleineren Teilbereichen der Anlage. Eine Nutzung, kulturell oder gewerblich, findet auf dem Gelände inzwischen nicht mehr statt, es handelt sich inzwischen um einen toten Ort.

Am 22. September 2001 wurden die vier riesigen markanten Schornsteine gesprengt. Es ist nun zu befürchten, daß der Abriß des gesamten Kraftwerkskomplexes bevorsteht, so zumindest sieht der Plan der regionalen Energiegesellschaft als Eigentümer und des Magdeburger Kulturministeriums aus.

Während die Gemeinde Vockerode und eine bundesweite Bürgerinitiative mit internationaler Unterstützung für den Erhalt der Bauanlage kämpft, unterstützt – so schreibt der Feuilletonist Nikolaus Bernau in der Berliner Zeitung am 27.07.2001 – „die sonst der Bürgergesellschaft verpflichtete Antje Vollmer von den Grünen hingegen ... vehement die Beseitigung des Baues, um die ästhetische Harmonie der Wörlitzer Gärten wieder herzustellen. Auf der Seite Vollmers, die eine starke Lobby von Gartenfreunden vertritt, stehen auch die Landesregierung und das Kulturministerium, die sich vom Gartentourismus mehr Einnahmen als von Reisenden zu Industriedenkmalen erhoffen. ... 1819 wurde der riesige Kaiserdom von Goslar abgerissen, mit der Begründung, er sei baufällig, zu groß und von keinem Nutzen mehr. Eineinhalb Jahrhunderte später geschah Ähnliches mit dem Anhalter Bahnhof in Berlin. Heute bedauert man die Abrisse - die Städte verloren einen Teil ihres Selbst. Man hätte abwarten sollen. Abwarten kostet in Vockerode 3,3 Millionen Mark für die Schornsteinsanierung. Es steht also zu befürchten, dass in zehn Jahren auch ihr Abriss als Kulturschande erkannt wird - zu spät.“

Robert Conrad,  12.11.2001

Informationen zum Nachnutzungskonzept für das Kraftwerk Vockerode telefonisch bei der Berliner Agentur „b.squid“ 030 61401430

Robert Conrad,  12.11.2001

Walter Buschmann (Hrsg. ), KohleKraftwerke. Kraftakte für die Denkmalpflege?, Essen 1999

Robert Conrad,  12.11.2001

Wir möchten hier den Inhalt eines Flugblattes wiedergeben, der zum Erhalt des Kraftwerkes aufruft. Nutzen Sie die Chance, sich zu beteiligen (Orginal unter industriekultur.de).

EIN WORT ZUM DENKWÜRDIGEN TAGE: 24. August 2001

Dem Dessau-Wörlitzer-Gartenreich wird die UNESCO-Urkunde für die Aufnahme in das WELTERBE der Menschheit überreicht.

Dies ist ein Tag der Freude ...

Dies ist auch ein Tag der Bitternis!

Wie das Schloss mit dem Säulenportal in die unberührte Natur kam und selbstbewusst vom Beginn eines neuen Zeitalters, dem des Gartens in der unwirschen Natur, kündete, so suchten 200 Jahre später wieder Pioniere eine neue Zeit: die des Lichtes.

Ein neues, anderes Portal mit vier mächtigen „Säulen“ entstand inmitten des Gartenreichs am Eingang eines fleißigen Landes: die einstige „Mutter“ der Kraftwerke in Vockerode, heute ehrfurchts- und ahnungsvoll „Titanic“ genannt. Als plastischer Baukörper mit seinen klaren und ruhigen Formen liegt der majestätische Zweckbau eingebunden in der Landschaft an der Elbe. Weithin sichtbar künden die inzwischen zur Ruhe gekommenen Schlote von einer der interessantesten und vielschichtigsten Regionen Deutschlands. Sie laden ein, das Gartenreich zu besuchen und sich mit der nicht minder reichen Industriekultur des Landes vertraut zu machen.

Die Zeiten, da die Schornsteine auch Ungemach über den Garten und die Natur brachten, sind vorbei. Beide, Schornsteine und Garten, stehen heute für eine Herausforderung an die Gestaltung der Landschaft von morgen: denken Sie an „hängende Gärten“ oder High-Tech-Fabriken, Kunstlandschaften in den Bergbaufolgegebieten ...

... wir stehen abermals vor einem Aufbruch in eine ungeahnte – auch ungewisse Zukunft. Die beiden Bau-Werke, das Schloss von Wörlitz und das Kraftwerk in Vockerode, haben nicht mehr den ursprünglichen Zweck als Residenz oder Lichtmaschine zu erfüllen. Sie sind stumme Zeugen großer und schwieriger Zeiten. Sie haben uns bei der Suche auf dem Weg in die Zukunft vieles zu berichten. Beide stehen heute unter Schutz. Warum soll eines gehen?

Das Kraftwerk Vockerode soll abgerissen werden!

Das darf nicht geschehen!

Seit die Iron Bridge in England, erbaut zu der Zeit des Wörlitzer Schlosses und als Miniature im Park zu bestaunen, auf die Liste des Welterbes kam, gilt Industriekultur offiziell als gleichberechtigter Bestandteil unseres ganzen Erbes. Warum soll in Vockerode ein Part genommen werden?

Ist es nicht auch eine Frage des Anstandes im Umgang mit einem vermeindlichen „Fremdkörper“?

Warum wird erst hinterher begriffen werden, was geschehen ist ...?

Und noch eins: Warum wird die Industriekultur noch immer nicht als ebenbürtiger Teil unserer Kultur und Identität anerkannt? Doch wohl, weil wir noch nicht soweit sind, zu verstehen, dass Kultur unteilbar ist, so verschieden die Ansichten auch sein mögen.

Der Tag der Aufnahme der Gärten und Schlösser um Wörlitz in das Welterbe darf nicht der Tag der Zerstörung des anderen Teils unserer Kultur werden – und schon gar nicht im Namen der Weltorganisation für Kultur und Bildung!

So kann es nur heißen:

ABRISS-ENDE DES KRAFTWERKSDENKMALS IN VOCKERODE!

Treten Sie für die Errichtung einer Stiftung Industriekultur ein, die das Kraftwerksensemble – mit Schornsteinen – übernehmen kann und eine neue Zukunft einleitet, nicht nur für das Bauwerk.

Schreiben Sie an den Ministerpräsidenten des Landes Sachsen-Anhalt, Herrn Dr. Höppner, Domplatz 4, 39104
Magdeburg

Initiative „Zukunft statt Abriss“. Telefon 03491-407280, Fax: 03491-407282.

Robert Conrad,  12.11.2001