Kernkraftwerk Rheinsberg

Bitte nähertreten! fordert eine digitale Frauenstimme. Schon unangenehm berührt der nackte Körper das kalte Metall. Nach einem wiederholten Bitte Nähertreten! endlich das erlösende Öffnen der Schleusentür und ein irgendwie beruhigendes Nicht kontaminiert!.

4 Stunden Aufnahmen in Kontroll- und Überwachungsbereich haben nicht nur auf dem Dosimeter Spuren hinterlassen. Doch beruhigt durch unseren sachkundigen Führer, Helmut Gruhle, schlüpfen wir wieder in unsere Alltagskleidung und lassen den Tag nochmals Revue passieren: Belehrung, Unbedenklichkeitserklärung, kompletter Wechsel der Kleidung, bunkerähnliche Gänge, riesige Strahlenschutztüren, Schaltwarten, Reaktor und dessen Peripherie, fensterlose Räume, lichtdurchflutete Treppenhäuser, endlose Rohrleitungsstränge, Messgeräte, Schleusen und irgendwie ein uns fremder Geruch.

In den folgenden Texten möchten wir versuchen, das Aufgenommene und Erlebte in den dazugehörigen technischen und historischen, aber auch politischen Kontext zu setzen.

Thomas Kemnitz,  06.05.2002

Natürlich ist es ein Toter Ort. Seit dem 01.06.1990 ist das Kernkraftwerk ausser Betrieb, eine weitere Nutzung ist werder geplant, noch sichtbar. Dennoch herrscht in den z.T. heute leeren Räumen noch geschäftige Betriebssamkeit. Das verbliebene ehemalige Betriebspersonal arbeitet am planmäßigen Abbau des Kraftwerks. Bis zum völligen Abbau und der damit verbundenen Entlassung aus dem Atomgesetz wird sich aber am äußeren Bild wenig ändern. Sicherheitszäune, Wachpersonal, Kameras, Schleusen. Unter diesen Bedingungungen fällt die Einordnung als Toter Ort immer noch schwer. Aber wiegesagt, ein Kernkraftwerk, dass 24 Jahre lang einen 70MW Reaktor betrieb, wesentliche Forschungs- und Ausbildungsaufgaben für die Atomindustrie der DDR übernahm, lässt man nicht einfach unbeaufsichtigt in einem Landschaftsschutzgebiet zerfallen.

Der Zeitpunkt ist gut gewählt. Der Kernbrennstoff ist nicht mehr vor Ort, ein Teil der Anlagen ist noch nicht demontiert, man kann sich ein sehr gutes Bild von der einstigen 'Riesenmaschine' machen. Auch kündet die Peripherie an, dass es wohl noch länger als wie geplant bis zum Jahr 2010 dauern wird, bis nur noch eine Gedenktafel auf das erste Kernkraftwerk der DDR verweisen wird.

Doch soweit ist es noch nicht. Das Verwaltungsgebäude mit seinem wunderschönen Treppenhaus steht immer noch für die engagierte Arbeit einer hochqualifizierten Crew von rund 200 Arbeitern, Ingenieuren und Wissenschaftlern, deren letzte Aufgabe es ist, ihre Wirkungsstätte bis zum letzten Lichtschalter in mehr oder weniger grosse Behälter zu verladen.

Thomas Kemnitz,  09.05.2002

Die Nutzung der Kernenergie ist heute sicher umstrittener dennje. Trotz von der Bundesregierung beschlossenem Ausstieg, fehlt es bisher an großflächig staatlich durchgesetzten Alternativen, um den Energiehunger eines Industriestaates wie der Bundesrepublik zu stillen. Anfänge sind getan, die auf die Aktivität jedes Einzelnen setzen. Wenn ich unter meinen Schreibtisch sehe, und mich da 8 Steckernetzteile anlächeln, scheinen diese beiden Seiten auch hier aufeinanderzustossen ... .

Stellvertretend für die gegensätzlichen Positionen hier 6 Links.

Der Betreiber
www.ewn-gmbh.de

Die Atomgegner
www.castor.de
www.wechselstrom-wendland.de
www.x1000malquer.de

Die Atomwirtschaft
www.atomforum.de
www.kernenergie.de

Thomas Kemnitz,  09.05.2002

Die Kernenergiegeschichte der DDR ist Betrachtungsgegenstand weniger Publikationen. Als Quelle habe ich mich hauptsächlich auf [1] gestützt.
In 2 Auszügen soll näher auf diese Thematik eingegangen werden.

Thomas Kemnitz,  09.05.2002

Die folgenden Abschnitte sollen, gestützt auf [1] und [2] zum einen über das im KKR Geleistete informieren, als auch das Bemühen um ein sichere Stillegung verdeutlichen.

Thomas Kemnitz,  09.05.2002

Das Kernkraftwerk Rheinsberg (KKR), das erste im Ausland errichtete russische Kernkraftwerk wurde nach einem im Jahre 1956 abgeschlossenen Regierungsabkommen mit der UdSSR in enger Kooperation zwischen deutschen und russischen Fachleuten projektiert und errichtet.

Die Hauptbestandteile der Kraftwerksanlage bildeten der Reaktorblock, die Spezielle Wasseraufbereitung, das oberirdische Endlager sowie die Infrastruktur (Energie-, Wärme- und Wasserversorgung, Verkehrsanbindungen). Der Leistungsanteil der Industrie der DDR betrug ca. 70%.

Am 09. Mai 1966 erfolgte die Inbetriebnahme des mit einem Druckwasserreaktor ausgestatteten 70-MW-Blockes.

Thomas Kemnitz,  09.05.2002

Das KKR hatte während seiner Betriebszeit drei Aufgaben zu erfüllen:

  • Elektroenergieproduktion
  • Forschungsarbeiten sowie wissenschaftlich-technische Betreuung der 440-MW-Kernkraftwerksblöcke
  • Aus- und Fortbildung.

  • Thomas Kemnitz,  09.05.2002

    Nach [2] lassen sich nachfolgende Aussagen über die Ergebnisse des Betriebs und der Ausbildung machen.

    Thomas Kemnitz,  09.05.2002

    Bereits kurze Zeit nach der Inbetriebnahme erreichte der Kraftwerksblock die projektierten Parameter und wurde vorwiegend im Grundlastbetrieb gefahren.
    Bis zu seiner Außerbetriebnahme am 01.06.1990 war er mehr als 130.000 Stunden am Netz. Er erreichte eine durchschnittliche jährliche Zeitverfügbarkeit von 61,3%. Die Gesamtbruttoarbeit (1966 - 1990) betrug rd. 9.000 GWh.
    Die Ausnutzung des Kernbrennstoffs lag durchschnittlich bei 14 MWd/kg Uran. Die vorwiegend durch eigenes Personal realisierten Instandhaltungs- und Rekonstruktionsmaßnahmen sowie werkstofftechnischen Prüfungen, insbesondere im Bereich des Primärkreislaufes einschließlich Reaktor, lieferten umfangreiche Erfahrungen, die auch bei der Stillegung eines Kernkraftwerkes nutzbar sind.
    Während und kurz nach der Inbetriebnahme erforderten wissenschaftlich technische Aufgaben die Zusammenführung nicht unmittelbar mit der Betriebsführung betrauter Fachleute in einen Forschungsbereich. Die enge Bindung an die Kraftwerksanlage förderte die Findung effektiver und teilweise neuartiger Lösungen, z. B. zur Primärkreislaufdekontamination, zur reaktorphysikalischen Spaltzonenüberwachung, zur Dichtheitskontrolle von Brennelementen, die auch ihren Niederschlag in der Betriebsführung der Blöcke im KKW Greifswald fanden. Eine Reihe von Forschungsthemen wurden unter internationaler Beteiligung bearbeitet.

    Thomas Kemnitz,  12.05.2002

    An der am Standort des KKR 1969 gegründeten Kernkraftwerksschule wurden zur Vermittlung KKW-spezifischer Kenntnisse, Fertigkeiten und Fähigkeiten mehrwöchige theoretische Lehrgänge für KKW-Personal, für Fremdpersonal aus verschiedenen Wirtschaftsbereichen sowie für Studenten durchgeführt.
    An einem KKW-Simulator konnten ab 1973 Kurse zur Fahrweise eines 440-MW-KKW-Blockes absolviert werden. Insgesamt besuchten ca. 5.000 Personen diese Bildungseinrichtung. Der Leistungsbetrieb verursachte nur eine sehr geringe Belastung der Umwelt.

    Thomas Kemnitz,  12.05.2002

    Nachdem die 4 Castoren mit 246 Brennstäben von Rheinsberg in des Zwischenlager Nord transportiert wurden, ist das KKR wieder etwas aus dem öffentlichen Bewußtsein getreten. Die Stillegung verläuft weiterhin planmäßig.

    Aus dem Web etwas zur Entsorgung und dem Castor-Transport.

    Informationen zur Stillegung beitet [2], die wir hier in 5 Punkten wiedergeben möchten.

    Thomas Kemnitz,  09.05.2002

    Die „Stillegung" einer kerntechnischen Anlage umfasst alle Maßnahmen, die nach der endgültigen Einstellung des Leistungsbetriebes durchgeführt werden.

    Für die Stillegung von Kernkraftwerken gibt es folgende Möglichkeiten:

  • Sicherer Einschluss, das heißt, das Reaktorgebäude wird „versiegelt". Der Abbau beginnt erst viele Jahre später.
  • Vollständiger Abbau nach der Einstellung des Leistungsbetriebes.
  • Abbau von Anlageteilen.

    Die Planung sieht den vollständigen Abbau des KKR vor (Entlassung aus dem Atomgesetz). Daraus folgt:
  • Abbau aller technischen Einrichtungen
  • Abbau der Gebäude
  • Beseitigung oder Verwertung der dabei anfallenden Abfälle und Reststoffe (Entsorgung).

    Der Stillegung vorgeschaltet ist die Nachbetriebsphase. Zu Beginn der Stillegungsarbeiten werden der Kernbrennstoff, die radioaktiven Betriebsabfälle und Betriebsstoffe (z. B. Kühlmittel, Öle, Gase) aus der Anlage entfernt.

  • Thomas Kemnitz,  09.05.2002

    Im Jahre 1986 erreichte das KKR seine projektierte Nutzungsdauer. Rekonstruktionsmaßnahmen in den Jahren 1986/87 wurden mit der Zielstellung eines befristeten Weiterbetriebes für fünf Jahre durchgeführt.

    Die vom ehemaligen Staatlichen Amt für Atomsicherheit und Strahlenschutz (SAAS) erteilte Genehmigung für den Leistungsbetrieb war dementsprechend bis zum Ende der Reaktorkampagne 1992 befristet.

    Auf Grund von Defiziten zum Sicherheitsstandard nach dem Atomgesetz (AtG) der Bundesrepublik Deutschland, die einen Weiterbetrieb ausschlössen, traf der Betreiber im November 1990 die Entscheidung, den Leistungsbetrieb des Blockes endgültig einzustellen und die Anlage stillzulegen.

    Thomas Kemnitz,  09.05.2002

    Das Stillegungskonzept sieht den sofortigen schrittweisen Abbau der Kraftwerksanlage unter Nutzung der im KKR vorliegenden Erfahrungen (Instandhaltung/Rekonstruktion) mit vorwiegend eigenem Personal bis zum Jahr 2009 vor.

    Dem sofortigen Abbau wurde gegenüber einem möglichen sicheren Einschluss der Vorrang gegeben, da

  • die Bauwerksgestaltung (keine Containmentbauweise) einen zu hohen technischen und finanziellen Aufwand für einen Sicheren Einschluss erfordert,
  • die vorhandenen, funktionstüchtigen technischen Einrichtungen, z. B. Hebezeuge, bei einem späteren Abbau erneuert werden müssten
  • das erforderliche sachkundige und erfahrene Personal jetzt zur Verfügung steht.

  • Thomas Kemnitz,  09.05.2002

  • 1991-1999 Nachbetrieb
    Während des Nachbetriebes, der den Zeitraum zwischen der Einstellung des Leistungsbetriebes, d.h. der Elektroenergie-Erzeugung, und der Entfernung des Brennstoffes aus der Kraftwerksanlage umfasst, werden die Voraussetzungen für den Abbau geschaffen.

  • acht Abbau-Etappen
    Es ist eine Aufteilung in acht Abbauetappen vorgesehen, um überschaubare Arbeitsabschnitte bezüglich der Erarbeitung der notwendigen Unterlagen, des Genehmigungsverfahrens sowie der praktischen Realisierung zu erhalten.
    Im Rahmen der entsprechenden Genehmigungen wird nach folgenden Grundsätzen und zeitlicher Abfolge verfahren werden:

    [1] ab 1995 Abbau außerhalb des Kontrollbereiches
    Demontage der nicht mehr benötigten maschinentechnischen und elektrotechnischen Anlagen des Sekundärkreislaufes (Schwerpunkt Maschinenhaus) bei Erhaltung der Gebäudesubstanz einschließlich Transport und Versorgungseinrichtungen zur Nutzung beim weiteren Abbau des KKR.

    [2-6] ab 1996 Abbau innerhalb des Kontrollbereiches
    Schrittweiser Abbau der Ausrüstungen, beginnend mit geringkontaminierten zu hochkontaminierten/aktivierten Teilen bis zum Abbau des Reaktordruckbehälters.

    [7-8] bis 2009 Abriss der Gebäude
    Beginnend mit dem Abbau von kontaminierten Gebäuden/Gebäudestrukturen. Die abzubauende Gesamtmasse des KKR beträgt ca. 330.000 t; davon sind ca. 40.000 t mit radioaktiven Stoffen belastet.

  • Thomas Kemnitz,  09.05.2002

    Eine wichtige Voraussetzung für die Stillegung ist die Absicherung der kontinuierlichen Entsorgung aller beim Abbauprozess anfallenden Abfälle und Reststoffe.
    Folgende Entsorgungswege werden genutzt:

  • Entsorgung der verbrauchten Brennelemente in vier Transport und Lagerbehälter CASTOR in das am Standort des KKW Greifswald errichtete Zwischenlager Nord (ZLN)
  • Transport der radioaktiven Betriebsabfälle in das Endlager für radioaktive Abfälle Morsleben (ERAM) oder in das ZLN
  • Transport der radioaktiven Stillegungsabfälle in das ERAM oder in das ZLN zur Weiterbehandlung/zum späteren Transport in ein Endlager
  • Nichtradioaktive Reststoffe werden in den Stoffkreislauf zurückgeführt oder bei Nichtverwertbarkeit als Abfälle deponiert.

    Für jedes einzelne Teil wird der Entsorgungsweg lückenlos dokumentiert:
    . Materialbeschaffenheit
    . Strahlungsintensität
    . Gewicht
    . Ort des Ausbaus
    . Art der Entsorgung

  • Thomas Kemnitz,  12.05.2002

    Neben dem zu jedem Objekt vorhandenen Satellitenbild sollen 3 Luftbilder den Kraftwerkskomplex darstellen:
    Ansicht aus Richtung Norden
    Ansicht aus Richtung Süden
    Ansicht aus Richtung Westen

    Thomas Kemnitz,  09.05.2002

    [1] Verein für Kernverfahrenstechnik und Analytik Rossendorf e.V. (Hrsg.), Zur Geschichte der Kernenergie in der DDR, Frankfurt/M., Berlin, Bern, Bru-xelles, New York, Oxford, Wien, 2000.

    [2] Öffentlichkeitsarbeit KKR, Still-
    legung und Abbau des Kernkraftwerkes
    Rheinsberg, Rheinsberg 1999.

    [3] Gesprächsaufzeichnung Kemnitz mit dem Leiter der Öffentlichkeitsarbeit des KKR, Helmut Gruhle, 09/2001.

    Thomas Kemnitz,  09.05.2002

    Sehr herzlich bedanke ich mich bei Helmut Gruhle, KKR, für das Ermöglichen der Aufnahmen im Kernkraftwerk Rheinsberg, die ausfühliche Führung und das Interview zur Erstellung der Bildunterschriften für die hier gezeigten Aufnahmen.

    Thomas Kemnitz,  09.05.2002

    Nach Voranmeldung ist es möglich, an Führungen durch das KKR teilzunehmen. Kontakt: KKR, Hr. Gruhle, Telefon 033931 - 57206

    Thomas Kemnitz,  12.05.2002

    Carsten, Matthias, Robert, sandten mir (auch in dieser Reihenfolge) innerhalb von drei Tagen einen Link zu dieser Seite www.angelfire.com/extreme4/kiddofspeed/. Euch Dreien 3 also herzlichen Dank.

    Die Seite beschreibt die unglaubliche Tour einer jungen Frau mit ihrem Motorrad durch die Region um Tschernobyl. Ob nun Fake oder nicht - zu sehen sind Locations, die ich selbst sonst nur so aehnlich von verlassenen sowjetischen Militärobjekten im Osten Deutschlands kannte.

    Während man mit weit geöffneten Augen die 28 Seiten anschaut und liest, formt sich der Begriff des Toten Ortes völlig neu.
    Am besten, jeder macht sich selbst ein Bild und vielleicht entspinnt sich an dieser Stelle eine kleine Diskussion.

    Thomas Kemnitz,  07.04.2004