Camp de Rivesaltes

Verlassene Barracken im Lagerabschnitt N vor der Silhouette der Pyrenäen
Verlassene Barracken im Lagerabschnitt N vor der Silhouette der Pyrenäen. Aufnahmedatum: 13.09.2015. © Robert Conrad

Kurzinfo

Der 612 ha umfassende Lagerkomplex nördlich der südfranzösischen Stadt Perpignan im Departement Pyrénées-Orientales gehörte neben den Lagern Gurs, Le Vernet, Les Milles und Récébédou zu den größten Internierungslagern Frankreichs im Zweiten Weltkrieg.

In den 1930er Jahren hatte die französische Armee hier ein weiträumiges, durch die Bahnlinie Narbonne-Perpignan erschlossenes Trainingslager errichtet, in dem Kolonialtruppen unter extremen klimatischen Bedingungen auf überseeeinsätze vorbereitet werden sollten. Die unwirtliche, durch starke Temperaturschwankungen, Trockenheit und heftige Stürme geprägte Ebene am Fuß der Pyrenäen bot die optimalen Voraussetzungen für eine realitätsnahe Ausbildung der Soldaten für Kämpfe in der Sahara oder in Zentralafrika.
Die Unterbringung der Rekruten erfolgte in eingeschossigen Massivbaracken mit ziegelgedeckten Satteldächern. Die schlichten Bauten wurden in Mauerwerks- bzw. Faserbetonbauweise ausgeführt, für die Dachkonstruktionen verwendete man einfache Holz- bzw. Stahlbinder. Nach und nach entstanden mindestens neun identisch gestaltete Lagerabschnitte (französisch: Ilots; Ilot=Inselchen), jeweils mit einem 250 m langen zentralen Appellplatz, um den herum in immer gleichem orthogonalen Raster 80 bis 100 Typenbaracken und einfache Latrinen angeordnet sind.
Nach dem im benachbarten Städtchen Rivesaltes geborenen Befehlshaber der französischen Armee im Ersten Weltkrieg nannte man die Einrichtung Camp Maréchal Joffre, bzw. kurz Camp Joffre.

Mit dem erfolgreichen Putsch der Franco-Truppen gegen die zweite spanische Republik strömten Ende 1939 Zehntausende Bürgerkriegsflüchtlinge über die Pyrenäen ins Nachbarland, wo sie zwar aufgenommen wurden, aber aus Furcht vor kommunistischen Einflüssen auf die französische Gesellschaft in Internierungslager eingewiesen wurden. Im von Improvisation und überforderung geprägten Umgang mit den Flüchtlingen griff der Staat ungeachtet der hier herrschenden extremen Klimabedingungen auf das nur 40 km von der spanischen Grenze entfernte Militärlager bei Rivesaltes zurück.
Die Frauen, Männer und Kinder aus Spanien wurden in die von den Soldaten geräumten Baracken zwangseingewiesen. Seit der französisch-deutschen Kriegserklärung im September 1939 ereilte dieses Schicksal auch viele in Frankreich auf der Flucht vor Nazi- Deutschland lebende Exilanten. Sie durften sich aus dem Lager heraus um Visa in andere Staaten bemühen und im nicht sehr häufigen Erfolgsfall auch ausreisen.
Die Lagerinsassen wurden teilweise zum Arbeitsdienst in den Groupements de Travailleurs Etrangers herangezogen und hier u.a. mit dem Aufbau neuer Abschnitte des Camp Rivesaltes betraut.

Im Juli 1940 wurde die Regierung des nach dem deutsch-französischen Waffenstillstand in Vichy unter Führung des autoritären Marschall Petain neu gebildeten État français eingesetzt. Sie ließ wenig später weitere »unerwünschte« Personengruppen wie Anhänger des Widerstandes gegen die deutsche Besatzung, Kommunisten, Sinti, Roma und - nun auch in Frankreich - Juden in Lagern internieren. Zu diesem Zweck wurde das Camp Rivesaltes umstrukturiert und, vor allem für die Unterbringung von Frauen und Kindern, erweitert. Im Januar 1941 erhielt es die offizielle Bezeichnung »Centre d' Hébergement de Rivesaltes«. Die einzelnen Lagerabschnitte erhielten Buchstabenbezeichnungen (Ilots F–J–K–E–B–M-N-Q–O). Hier lebten nun fast 10.000 Menschen aus 16 Nationen unter katastrophalen klimatischen, hygienischen und Versorgungsbedingungen. Bald stieg die Zahl der Sterbefälle.
Daher bekamen auch nichtstaatliche Hilfsorganisationen Zugang zum Lager, welche mit ihren geringen Mitteln versuchten, die Situation der Insassen etwas zu verbessern. Das Innenministerium sah in Rivesaltes die Musteranlage einer »Cité des Enfants« mit Kindergärten und Schulen vor, Die Umsetzung der Idee gelang jedoch kaum ansatzweise.

Im Juli 1942 beschloss das Vichy-Regime die Deportation von 30.000 nichtfranzösischen Juden nach Nazi-Deutschland. Große Sammellager für Juden entsanden in Compiègne (Royallieu), Pithiviers (Loiret) und Beaune-la-Rolande (Loiret). Auch das Camp Rivesaltes wurde mit der Einrichtung einer Sammelstelle des »Centre National de Rassemblement des Israélites« im Ilot F Bestandteil des Holocaust. Zwischen dem 25. August und dem 31. Oktober 1942 wurden hier mehr als 4.400 Juden eingeliefert. Eine staatliche Kommission wählte 2.313 von ihnen aus, welche in den nächsten Wochen in neun Transporten über das Lager Drancy nach Auschwitz-Birkenau deportiert wurden.

Nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Südfrankreich im November 1942 wurden die verbliebenen Internierten in andere Lager transportiert. Das Camp Rivesaltes diente nun bis August 1944 als Kaserne, Munitionsdepot und übungsgelände für etwa 3.000 Angehörige verschiedener Wehrmachtseinheiten, die den Auftrag hatten, die französische Mittelmeerküste gegen alliierte Angriffe zu verteidigen. Außerdem nutzte man 1943 Teile des Lagers zur vorübergehenden Unterbringung von etwa 1.300 italienischen und etwa 1.500 weißrussischen Kriegsgefangenen.

Mit der deutschen Niederlage und der Befreiung Frankreichs wurde das Camp wieder vom französischen Staat übernommen. Erneut bildete man zwei Verwaltungsbereiche: in einem Teil des Lagers (Ilot Q) richtete das Innenministerium ein »Centre de séjour surveillé« für die Internierung der Kollaboration mit den deutschen Besatzern beschuldigter Franzosen ein, die anderen Bereiche des Areals erhielt die französische Armee zurück. Hier entstand ab Dezember 1944 das »Kriegsgefangenenlager 162«, das anfangs einige Hundert italienische und ab der zweiten Hälfte 1945 bis zur Schließung im April 1948 etwa 10.000 deutsche und österreichische Gefangene aufnahm. Die katastrophalen Verhältnisse hier führten zur höchsten Sterblichkeitsrate aller Internierungsperioden von Rivesaltes.

In den Folgejahren wurde das Camp Joffre wieder ausschließlich militärisch genutzt, vor allem wurden Truppen für den Algerienkrieg 1954-58 stationiert und ausgebildet. Außerdem wurden hier in vier Ilots Kämpfer der nationalen Befreiungsfront Algeriens gefangen gehalten. Mit der Unabhängigkeitserklärung Algeriens 1962 begann ein neues Kapitel in der düsteren Geschichte des Lagers. Algerier, die sich auf Seiten der Kolonialmacht engagiert hatten (etwa 85.000 Männer, Frauen und Kinder, sogenannte Harkis), waren nicht mehr sicher und mussten nach Frankreich evakuiert werden. Dazu kamen 1964 Flüchtlinge aus Guinea. Da sich die französische Gesellschaft scheute, die neuen Mitbürger gleichberechtigt zu integrieren, waren diese gezwungen, jahrelang in Transit- und Durchgangslagern zu bleiben. Die größte dieser Einrichtungen wurde Rivesaltes. Alleine bis Dezember 1964 wurden etwa 22.000 Harkis durch das Lager geschleust. Anfangs mussten zusätzlich Zelte aufgestellt werden, da die Baracken gerade instand gesetzt wurden und zur Unterbringung nicht reichten. Bis zur schrittweisen Auflösung des Transitlagers 1972 verbesserten sich die Lebensbedingungen der Internierten langsam.

1985 entstand im Ilot N des Camp Joffre ein »Centres de rétention administrative«. Mehr als 20.000 Menschen durchliefen dieses Abschiebegefängnis für Einwanderer ohne legalen Aufenthaltsstatus bis zu dessen Verlegung zum nahen Flughafen im Dezember 2007.

Heute verfallen die Bauten auf dem riesigen Areal des gesamten Lagers, das nach wie vor als militärische Sperrzone ausgewiesen ist. Spezialeinheiten trainieren hier Häuserkampf, während im südöstlichen Bereich ein Gewerbegebiet entsteht.
Die meisten Flächen wurden aufgegeben, auch der einzige bis vor wenigen Jahren noch mit Militäreinheiten belegte Ilot M.
1997 wurde der Abriss aller Relikte des wohl einzigen heute noch in seinen Strukturen erkennbaren französischen Internierungslagers geplant, über das lange weder im lokalen Umkreis noch in der gesamten französischen Gesellschaft gern gesprochen wurde. Nur durch das geduldige und entschiedene Engagement von Regionalpolitik und verschiedenen Bürgerinitiativen konnte die Zerstörung verhindert werden. Inzwischen
erinnert eine sehr beeindruckende Gendenkstätte mit einem modernen, behutsam in den zentralen Platz des Ilot F gesenkten Museumsneubau inmitten der konservierten Originalgebäude an die Geschichte des »Lagers der Unerwünschten«.
Erst langsam wird einer internationalen Öffentlichkeit die Bedeutung dieses komplexen, für die Geschichte des 20. Jahrhunderts so aussagekräftigen Erinnerungsortes bewusst. Gerade angesichts der gegenwärtigen globalen Flüchtlingskrise gilt es, aus den Fehlern der Geschichte zu lernen.

Robert Conrad, April 2016

Quellen: [187-196]

Geografische Angaben

D5 ,  66600 Rivesaltes,  Languedoc-Roussillon Midi-Pyrénées,  Frankreich

Rubrik

Polizei / Justiz

der Bau oder die Nutzung fallen in diese historischen Zeiträume

1918 - 1939,  1939 - 1945,  1945 - 1990,  ab 1990

Informationen über Zugänglichkeit, Zustand oder Nutzung (auch von Teilbereichen)

zugänglich über Anbieter, erreichbar über die Autobahn A9, Abfahrt Perpignan Nord, öffentliche Gedenkstätte, große Teile der Flächen sind Militär- bzw. Gewerbegebiet

Statistik

Im VIMUDEAP seit:  18.06.2016
letzte Änderung:  18.06.2016

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