Sicherheitspolizeischule Fürstenberg/Drögen

Dem ortsunkundigen Autofahrer, der die B 96 von Gransee her kommend Richtung Fürstenberg/Havel fährt, wird das Gelände vor der Eisenbahnbrücke von Fürstenberg nicht besonders in Erinnerung bleiben. Beim genaueren Hinsehen entdeckt man vielleicht im Vorbeifahren auf der linken Seite der Straße eine weite, von Birken gesäumte Fläche und vielleicht bemerkt man im Augenwinkel eine teilweise bemalte Betonwand. Das ist alles, was heute noch an das Objekt erinnert, das sich hier einmal befand und in der deutschen Geschichte mehr als nur eine wichtige Rolle zu spielen hatte.

Ursprünglich sollte gegenüber dem besagten Gelände bereits 1936 einmal ein Sägewerk entstehen. Das Sägewerk in der wald- und holzreichen Gegend wurde jedoch schließlich woanders gebaut. Mit dem Gelände in Drögen hatte man anderes vor. Nachdem bereits im Zuge der Umstellung der Produktion ziviler auf kriegswichtige Güter in der Fürstenberger Faserstoff-Fabrik eine Fabrik zur Herstellung von Geschoßhülsen eingerichtet worden war, begann nach und nach die Militarisierung der Fürstenberger Gegend.

Drögen wurde als Standort für eine Sprengstoff-Fabrik gewählt. So wie in der Geschoßhülsenfabrik in Fürstenberg Zwangsarbeiter aus dem nahen KZ Ravensbrück arbeiten mußten, so wurde Drögen zu einem Außenlager des KZ Sachsenhausen (nachgewiesen ab Mai 1941). Die Häftlinge mußten bereits ab 1940 Unterkünfte für Zwangsarbeiter bauen, die in der Sprengstoff-Fabrik arbeiten sollten. Gleichzeitig entstanden Kasernenbauten, Kommandantur und ein Sportplatz für die Wachmannschaften. Was nie gebaut wurde war die Sprengstoff-Fabrik. Da das Gelände aber nun schon bebaut war erfuhr es eine Umwidmung zu seiner eigentlichen Funktion als Schule der Sicherheitspolizei (Zusammenschluß von Gestapo und Kripo).

Bereits vor und spätestens mit Beginn des Angriffskrieges gegen Polen im Jahre 1939 hatte man sich im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) überlegt, wie man nach einheitlichen Lehrplänen genügend Personal für die Verwaltung (und Unterdrückung) der im Osten eroberten Gebiete ausbilden könnte. Hauptsächlich erwartete man von diesem Personal, daß es "charakterlich- weltanschaulich gefestigt" und "haltungsmäßig geschlossen" war. Dafür hatte man bereits sogenannte "Führerschulen der Sicherheitspolizei und des SD" an verschiedenen Orten angelegt (z.B. Berlin Charlottenburg, Bernau b. Berlin). Die "Sicherheitspolizeischule Fürstenberg/Mecklenburg" ging 1941 aus der Grenzpolizeischule Pretzsch/Elbe hervor, wo bis dahin Angehörige der SS-Wach- und Grenzeinheiten ausgebildet und dann in den Grenzdienst übernommen worden waren.

In den Jahren 1941 und 1942 wurde das Drögener Gelände entsprechend den neuen Anforderungen stark erweitert - es enstanden weitere Unterkunftsbauten, Schulungsräume, eine Schießanlage und Garagen. Die Gesamtbelegschaft der fertigen Anlage, die insgesamt den Eindruck einer kleinen "Stadt im Grünen" machte, liegt irgendwo zwischen 500 und 700. Hinzu kamen etwa 30 KZ Häftlinge für Küchen-, Garten- und Reparaturarbeiten Ab 1.9.1942 wurden in Drögen in Kursen, die 4 Monate dauerten, "Kriminalassistentenanwärter" ausgebildet - eine Berufsbezeichnung, die über deren spätere wirkliche Tätigkeit hinwegtäuscht. Diese bestand nämlich hauptsächlich darin, in den besetzten Gebieten Europas Widerstand zu verfolgen und Menschen zur Deportation listenmäßig zu erfassen. So berichteten Drögener Häftlinge von lettischen, ukrainischen und littauischen Schülern in der Polizeischule, die nach der Ausbildung in ihre Heimatländer zurückgingen und sich dort an den Machenschaften der deutschen Behörden beteiligten.

Nach dem Attentat auf Adolf Hitler am 20.7.44 bekam die Polizeischule Drögen noch eine weitere Aufgabe - sie wurde zum Sitz der bereits 1943 gegründeten und nach ihrem Chef Herbert Lange benannten "Sonderkommission Lange". Sie beschäftigte sich schon länger mit der Verfolgung von Angehörigen des deutschen Widerstands. Nach dem gescheiterten Attentat wurden Teile des Widerstands (darunter Offiziere wie van der Lancken, Graf Schwerin von Schwanenfeld, Graf Yorck von der Wartenburg , Julius Leber, Admiral Canaris u. a.) in Drögen interniert und dort verschärft verhört.

Daß in Drögen auch Menschen ermordet wurden läßt sich daraus schließen, daß der Kommandeur von Drögen, SS-Oberführer Hans Trummler, im November 1947 von den Aliierten wegen der Hinrichtung amerikanischer Kriegsgefangener in Drögen zum Tode verurteilt wurde.

Die Sicherheitspolizeischule Drögen wurde im April 1945 von den deutschen Einheiten verlassen und anschließend von Einheiten der heranrückenden sowjetischen 20. Gardepanzerarmee eingenommen und besetzt und bis zum Abzug der dort stationierten Truppen im Jahre 1989 genutzt. Auszugehen ist von einer Truppenstärke von 1500 bis 2000 Mann mit etwa 220 Panzern. Die in Drögen stationierte Einheit war 1942 hinter dem Ural gebildet worden und hatte sich bis Berlin durchgekämpft und dabei an entscheidenden Schlachten des zweiten Weltkrieges teilgenommen.

Das Gelände von Drögen ist ein Beispiel dafür, wie schwierig die Weiternutzung von militärischen Liegenschaften im nicht-militärischen Bereich ist. Schon 1985 kursierten Gerüchte, daß die Drögener Einheit abgezogen werden sollte. Für die Stadt Fürstenberg, die förmlich von 27 militärische Liegenschaften eingezwängt war, schien einzig Drögen eine Möglichkeit der städtebaulichen Expansion zu bieten. Als 1988 der Abzug feststand unternahm die Gemeinde emsige Planungen. Aber bereits bei der Gesamtaufnahme der Liegenschaft wurde auch das Ausmaß der nötigen Mittel für die Schadenssanierung sichtbar. Mit Drögen hatte sich die Gemeinde übernommen. Um die Stadt Fürstenberg vor dem finanziellen Ruin zu bewahren, übernahm das Land Brandenburg die Kosten für den Abriß.

Das Gelände ist heute, Oktober 2005, vollkommen zurückgebaut. Als letzte noch erhaltenen Teile stehen im ehemaligen Eingangsbereich zur Kaserne zwei Reliefwände. Eine zeigt den ruhmreichen Weg der in Drögen stationierten "Wapnjarsker" Panzerarmee. Ursprünglich war das Relief mit einer elektischen Lichtanlage ausgestattet, die den Weg der Armee im zweiten Weltkrieg nachzeichnete. Die andere Wand zeigt eine illustrierte Version des letzten Fünfjahrplans der Sowjetunion (von 1985 - 1990) mit den darin vorgesehenen Steigerungen in der Produktion verschiedenster Güter.

Fl. Steinborn, Oktober 2005

Quellenangabe:

Florian von Buttlar, Stefanie Endlich, Annette Leo "Fürstenberg-Drögen. Schichten eines verlassenen Ortes." Reihe Deutsche Vergangenheit, Band 106. Edition Hentrich. Ohne Ort, 1994. (siehe auch Menüpunkt 'Produkte' in der Objekt-Bildliste)

Birgit Haupt, Hanne Walter "Fürstenberg an der Havel - Wasserstadt mit Geschichte(n)." Ohne Ort. Ohne Jahr. ISBN: 3-937899-51-0

Florian Steinborn,  20.12.2005

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